Ich habe keine Lust

Ein Phänomen, das in den letzten Jahren zu beobachten ist, dass einer der Partner keine Lust mehr auf Sex hat.  Dabei vermitteln uns die Medien, dass Beziehungen scheinbar zum größten Teil aus dem sexuellen Miteinander bestehen. Untersuchungen zu diesem Thema zeigen, dass Sexualität eine wichtige Säule der Beziehung sein kann, jedoch gerade in diesem Bereich Defizite und Missverständnisse bestehen.

Wenn die Unlust zum Problem wird

„Bin ich normal?“ fragt mich eine Frau. „Ich bin jetzt über Fünfzig. Eigentlich merke ich es schon länger, dass ich überhaupt keine Lust empfinde und keinen Spaß mehr an Intimität habe. Mir ist mein eigener Körper fremd. Oftmals leide ich unter Spannungen und ich bin müde. Eigentlich möchte ich mehr Nähe als sonst, aber nicht unbedingt Intimität. Ja, ich habe geradezu Sehnsucht nach Anerkennung, nach lieben Worten, nach Zuneigung, möchte in den Arm genommen werden. Alles andere ist mir zu viel.“ Noch ehe ich antworten kann, fährt sie fort: „Ja, ja, ich weiß. Wenn mein Ehepartner es braucht, soll ich für ihn da sein. Ich will es auch. Doch jetzt wird auch das zum Problem. Er will mich nicht bedrängen. Wenn ich keine Lust habe, fühlt er sich nicht willkommen. Ich habe ihm erklärt, dass ich trotzdem bereit bin. Aber er ist dann blockiert. Es ist so kompliziert geworden. Jetzt begegnen wir uns kaum noch. Ich spüre, wie wir uns immer fremder werden. Wie finden wir aus dieser Sackgasse heraus?“

Keine Lust? Wer kennt das nicht! Es gibt Zeiten in unserem Leben, in denen uns alles über den Kopf wächst. Ob die Überforderungen durch Beruf, Haushalt und Kinder, durch Krankheit oder fehlende Hormone bedingt ist, alles scheint zu viel zu sein. Der Körper und die Seele schalten um auf „Stand by“, so wie der Computer, wenn einige Zeit nichts passiert.

Besonders heftig reagieren wir in der Ehe auf Belastungssituationen. Wir schließen uns innerlich zu, um nur noch die wichtigsten Dinge „am Leben zu erhalten“. Alles andere wird ausgeschlossen. Dabei bräuchten wir den anderen jetzt ganz besonders. Doch er zieht sich zurück, wenn wir stachelig und unnahbar werden.

„Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdiene. Denn dann brauche ich dich am meisten!“, kommt mir in den Sinn – ein Spruch, den ich irgendwo gelesen habe.

Auf die gefühlte Ablehnung des Ehepartners folgen leider oft Außenbeziehungen zu fremden Partnern. Da fühlt man sich angenommen und begehrt, sei es auf der Gesprächsebene oder auch im Bett. Oder es entsteht eine Internetbekanntschaft, bei der man anscheinend alles bekommt, was in der eigenen Beziehung fehlt.

Der Kitt für die Ehe

Wir brauchen in der Ehe Nähe, um einander nicht verloren zu gehen.

Wir brauchen die Haut des Partners, um uns in „seine Haut“ hineinfühlen zu können. Lust soll eine untergeordnete Rolle spielen. Da muss ein Wollen wachsen, das wir uns von Gott erbitten dürfen.

Viele Dinge in unserem Leben können wir erledigen, weil sie lebensnotwendig sind. Und wir gehen sie ohne Lust an: Sei es das morgendliche Aufstehen nach einer schlaflosen Nacht, um zur Arbeitsstelle zu gehen; sei es die Essenszubereitung trotz Kopfschmerzen oder das Versorgen des Kleinkindes, obwohl man mit Übelkeit zu kämpfen hat.

Wenn der eine Partner keine Sehnsucht nach Intimität hat, aber trotzdem auf die Sehnsucht des anderen eingeht, ist das echte Liebe! Das Signal heißt: Wenn du mir nah kommen willst, will auch ich dich bei mir haben, weil du mir wichtig bist.

Und für den, der sich zurückziehen will, weil er begehrt werden will: Meine Partnerin lässt sich auf mich ein, weil sie weiß, dass es mir wichtig ist. Sie liebt mich wirklich! Deshalb will ich mit ihr eins werden. Rücksicht ist in diesem Moment falsch, weil sie beiden letztlich schadet! Denn wer sich nicht berührt, geht einander verloren.

Der Wille zur Treue gibt Stabilität

Unwillkürlich fällt mir der Vers aus Ruth 1,16 ein, der häufig als Trauvers gewünscht wird:

„Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.“ Obwohl in diesem Bibelvers nicht von einem Ehepartner gesprochen wird, ist das ein Leitvers für die Treue in der Ehe. Was du brauchst, soll auch für mich wichtig sein. Was dein Mittelpunkt ist, darum will auch ich Sorge tragen. Keiner muss sich aus Rücksicht auf sein Gegenüber zurückziehen, nur weil der andere keine so große Lust hat wie er selbst. Seine/Ihre Bereitschaft zum Einswerden ist ein größerer Ausdruck für Liebe als seine/ihre Lust dazu. Allerdings sollte der Alltag auch durchzogen sein von kleinen, liebevollen Aufmerksamkeiten, die einander geschenkt werden.

Der Partner, der sich nach Intimität sehnt, soll sich nicht beleidigt zurückziehen, wenn ihn der andere nicht so begehrt, wie er es gerne hätte. Und der Teil, der keine Sehsucht danach hat, darf Gott bitten, liebevoll auf den anderen einzugehen, auch ohne Lust. Er/sie lässt die Erwartungshaltung hinter sich, dass er/sie um ihn werben und ihn/sie begehren muss, bevor er/sie zu ihr/ihm kommt.

Wir brauchen keinen großen Hunger zu haben, wenn wir uns an den Tisch setzen. Doch ohne Nahrungsaufnahme verlieren wir Kraft. Die Regelmäßigkeit des Essens bewahrt uns davor, Falsches in uns „hineinzustopfen“.

Wir brauchen keine Lust, um einander zu begegnen. Aber wir brauchen Gemeinschaft, um einander nicht zu verlieren. Dazu gehören das Gespräch und körperlicher Kontakt.

Und damit es funktioniert, brauchen wir einen Dritten, der uns liebevoll ins Ohr flüstert, was unser Partner braucht – falls wir zuhören wollen.

Wer seine Erwartungshaltung zum Mittelpunkt seines Denkens macht, versäumt viele schöne Momente.

Ruth Heil, ist Autorin und Referentin, www.ruth-heil.de

 

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