Lebensphasen – vom Weinstock lernen

Manche Lebensphasen bringen schöne Erfolge und versprechen ein glückliches Leben. Doch wie alles in der Natur sind es Phasen, die vergehen und einander abwechseln. Da können wir von der Natur lernen, die immer wieder bestimmte Jahreszeiten durchläuft und jede davon ist wichtig. An der Südseite unseres Hauses haben wir seit vielen Jahren einen Weinstock. Er macht im Sommer einen kühlen Schatten vor unserem Wintergarten und bringt im Herbst wunderbare, süße Früchte. Ein netter Nachbar schenkte ihn uns vor vielen Jahren, als wir unser Haus gebaut hatten. Viele Jahre wurde diesem Weinstock von uns wenig Beachtung geschenkt. Heute dient er uns als Lehrbeispiel für geniale Zusammenhänge in der Natur, von denen wir viel lernen können.

In unserer Gegend werden Weinreben mehr als Zierde und zum Naschen gepflanzt, weil das Klima für Wein zu rau ist. Aus diesem Grund hatte ich auch keine Ahnung, was Weinstöcke wirklich brauchen. Wie durch ein Wunder überlebte er die ersten 20 Jahre in unserem Garten. Dann lernte ich mit der Zeit, welche Pflege ein Weinstock braucht, um zu gedeihen und Frucht zu bringen. Es gab mittlerweile Jahre, da hatten wir wahre Rekordernten voll wunderbarer süßer Trauben. Als Laie taten mir anfangs die langgewachsenen Weinranken leid und ich ließ sie alle wachsen. Das Ergebnis war, dass der Weinstock wucherte und kaum Früchte trug. Heute weiß ich, dass die richtige Behandlung in der jeweiligen Jahreszeit wichtig ist und der Erfolg in der Erntezeit zum Teilbereits im Winter entschieden wird.

Jede Jahreszeit bietet etwas, was der Weinstock für sein beständiges Wachstum braucht. Der Frühling bringt den nötigen Regen und milde Tage, die dem Wachstum guttun, im Sommer gibt es dann genug Sonne, um die Trauben reifen zu lassen. Der Herbst bietet die Gelegenheit, die Ernte ohne Furcht vor dem Regen einzubringen und verhilft dem Weinstock, sich vor dem Wintereinbruch zu erholen. Der Winter schließlich sorgt für die dringende Vegetationsruhe und schenkt die Gelegenheit, die Weinstöcke auf eine neue ertragreiche Zeit vorzubereiten. Ohne den Wechsel der Jahreszeiten gäbe es keine Frucht.

Vor kurzem las ich das Buch „Zu seiner Zeit“ von Wayne Jacobsen, der anhand des Weinberges seines Vaters die Aussagen Jesu über das geistliche Wachstum als Christ beschrieb (Die Bibel, Johannes 15). Durch die Erfahrung mit unserem Weinstock im Garten und der Lektüre dieses Buches bekamen die Aussagen Jesu für mich eine besondere Bedeutung. Jesus verglich sich selber mit einem Weinstock, seine Jünger mit den Reben und seinen Vater mit dem Weinbauer. Er sprach von den Jahreszeiten, in denen der Vater sich um sie kümmern würde, damit sie erstaunliche Frucht brächten.

Was hat das mit unseren Lebensphasen zu tun?

Frucht in unserem Leben erwächst daraus, wie weit wir zulassen, dass Gott unser Leben gestaltet. Beim Wein gibt es nur in einer der vier Jahreszeiten Ernte. Alle anderen Zeiten dienen der Ruhe, dem Wachstums und der Reifung. Die Jahreszeiten des Weinbergs sind ein Vergleich dafür, wie Gott mit uns arbeitet. Manchmal sprudelt unser Leben vor Freude und Leichtigkeit über und manchmal werden wir mit schmerzlichen und leidvollen Umständen zu kämpfen haben. Gott kann unsere Fehler ausbügeln und ebenso den Schaden heilen, den wir durch den Missbrauch anderer erlitten haben. Er bringt aus den grässlichsten Umständen noch Frucht hervor. Um geistlich zu wachsen, brauchen wir wechselnde Situationen, in denen Gott an uns arbeitet. Er führt uns in eine gesunde Balance zwischen freudigen und herausfordernden Momenten, zwischen harter Arbeit und regenerierenden Ruhepausen.

Meine momentane Lebensphase kann ganz anders sein als die einer anderen Person aus meinem Umfeld. Vielleicht brauche ich gerade die Erholungspause des Winters, während mein Nachbar mitten in der herbstlichen Erntezeit ist. Daher sollen wir uns nicht mit anderen vergleichen, da sie vielleicht andere Lebensphasen durchlaufen.

Frühling

Für Weinreben bedeutet der Frühling gewaltiges Wachstum. An den neuen Ranken kommen dann unzählige Blüten hervor. Der Frühling in unserem geistlichen Leben ist dadurch gekennzeichnet, dass Jesus selbst uns eine neue Vision und neue Hoffnung gibt. Gottes Zusagen kommen in Zeiten persönlicher Erneuerung – wie die Blüten im Frühling. Gottes Verheißungen werden dann zu seiner Zeit eintreffen. Der Frühling ist die Zeit, sich Jesu Worte einzuprägen und auf seine Stimme zu hören. Er kann durch die Bibel zu uns reden, durch Ereignisse in unserem Leben, durch andere Menschen oder uns direkt ansprechen.

Sommer

Im Sommer toben im Weinberg harte Kämpfe an mehreren Fronten. Kaum ist das Unkraut beseitigt, fängt es auch schon wieder zu wachsen an. Schädlinge und ganze Schwärme von Traubendieben wollen sich über die zukünftige Ernte hermachen. Und dann können noch Unwetter und Hagel die Hoffnungen zunichtemachen. Jetzt heißt es aufpassen und das bisher Erreichte zu bewahren. Einer Nachlässigkeit kann ein Großteil der Ernte zum Opfer fallen. So geht es auch in unserem geistlichen Leben. Der Sommer ist die Saison, in er wir gefordert werden. Die Zeit der Blüte ist vorbei und die Zeit der Ernte noch nicht in Sicht. Hier meinen wir oft, Rückschritte zu erleben. Zwei große Arten von Angriffen machen vielen zu schaffen. Sorgen, die übermächtig werden und der Gedanke, dass Wohlstand unsere Probleme lösen würde. Beides führt leicht in eine Vertrauenskrise gegen Gott. Wichtig ist daher, regelmäßige Zeiten mit Gott einzuplanen, auf ihn zu hören und uns nicht vom Ziel ablenken zu lassen. Dadurch kann in solchen Zeiten die Beziehung zu Gott besonders vertieft werden.

Das Warten auf die Ernte kann uns in manche dunkle Täler führen, doch selbst in unseren schwierigsten Momenten wird Gott da sein und für uns sorgen. Er hat uns ständig im Blick. Oft denken Menschen in dieser Zeit, Gott lässt auf sich warten oder er hat seine Zusage nicht ernst gemeint – doch Gott handelt zu seiner Zeit. In dieser Zeit muss die Rebe lernen, dass sie selber überhaupt nichts beitragen kann, wann und wie die Ernte sein wird. Der Saft strömt vom Weinstock durch sie hindurch und lässt die Frucht heranwachsen.

Herbst

Im Herbst, kurz vor der Ernte, werden die Trauben weicher und süß. In unserem Garten ist das eine besonders kritische Zeit. Zu den bisher bekannten Dieben, welche bereits bei Anbruch der Morgendämmerung Ausschau auf ein saftiges, süßes Frühstück halten, kommen noch die Wespen, die uns die Ernte streitig machen. Wenn wir nicht rechtzeitig reagieren und unsere Früchte schützen, bleibt am Ende nur wenig übrig.

Da ergibt sich die Frage. Wem gehört die Frucht? Als Eigentümer des Weinstocks habe ich da eine klare Meinung. Die Amseln und die Stare, die jeden Morgen an den Früchten dran sind und erst recht die Wespen haben da eine ganz andere Ansicht. Als ich im letzten Jahr wieder einmal eifersüchtig beim Fenster hinausschaute und sah, wie frech sich die Amseln am Zaun in Position brachten, damit sie den Anflug auf die Traubenernte gut planen konnten, da fiel mir plötzlich eine Aussage Jesu ein: „Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln keine Vorräte, und euer Vater im Himmel ernährt sie doch.“ (Die Bibel, Matthäus, Kapitel 6, Vers 26). Da beschloss ich, in diesem Jahr die Ernte mit ihnen zu teilen. Einen Teil der Weinreben deckte ich sorgsam mit einem Netz ab und den anderen Teil ließ ich ihnen. Und wir hatten alle genug. Von da an war es für mich sogar eine Freude, ihnen bei ihren Mahlzeiten zuzusehen. Wie wunderbar hat der Schöpfer doch für uns alle gesorgt. Er war es, der die Früchte reifen ließ. Am wenigsten habe ich dazu beigetragen. Die Frucht die aus der Nachfolge Jesu heranwächst ist ebenso nicht nur für uns bestimmt. Wer diese nur für sich in Anspruch nehmen möchte, wird enttäuscht sein, weil die Ernten so gering ausfallen. Gott möchte die Frucht, die er in uns geschaffen hat, zum Segen für andere sein lassen. Er möchte uns gebrauchen, damit wir zum Segen für andere werden. Wenn wir in der Freude über die wunderbaren Früchte in unserem Leben selbstgefällig werden und den vergessen, der in uns am Werk ist, dann kann es leicht passieren, dass andere sich über die Ernte hermachen.

Freuen wir uns dankbar über den, der uns versorgt und zurechtgeschnitten hat, damit wir Frucht in unserem Leben bringen können.

Winter

Im Winter beginnt der Wachstumszyklus für die nächste Ernte. Für jeden Weinstock mag die Winterzeit hart erscheinen, das ist sie jedoch nicht. Der Weinstock muss ruhen und sich erholen, wenn der Weinbauer ihn für das nächste Jahr zurüsten will. Der geistliche Winter tritt ein, wenn die äußere Fruchtbarkeit unseres Lebens zu schwinden beginnt und Gott uns zur Ruhe und Vorbereitung auf eine weitere Ernte ruft.Dabei kommen uns oft Fragen, warum vertrocknet jetzt alles, werde ich je wieder fruchtbar sein?

Der Winter ist die Zeit der Ruhe, in der Gott uns von den Auswirkungen unserer vergangenen Aktivitäten regenerieren lässt und uns neu zurüstet, sodass er uns in kommende, noch fruchtbarere Zeiten entlassen kann. Im Winter hat die lebenswichtige Verbindung zwischen Weinstock und Rebe oberste Priorität. Haben Sie den Mut, Dienste abzugeben, die Gott in Ihrem Leben zur Vollendung gebracht hat. Gott lädt uns ein, Dinge beiseite zu legen und unserer Beziehung zu ihm eine Zeit lang mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Dadurch werden wir für die nächste Saison vorbereitet.

Winterzeit kann bedeuten, dass Gott uns von der Geschäftigkeit weg, in eine Zeit hineinführt, in derwir ihm unsere ganze Aufmerksamkeit geben. Gott führt uns in den Winter hinein, um unsere Abhängigkeit von eigener Leistung zu beschneiden. Echte Fruchtbarkeit entsteht aus unserem wachsenden Vertrauen in Gottes Wirken und nicht dadurch, dass wir uns den Erwartungen anderer verpflichtet fühlen. Die Ruhe wirkt erfrischend für die Weinstöcke, es ist Zeit für eine Pause und die Weinstöcke werden beschnitten. Beschneiden bedeutet die Rebe für neues Wachstum gut vorzubereiten, und um sie noch fruchtbarer zu machen. Nur in der Ruhe und Stille können wir den Herrn unser Leben formen lassen, denn darin liegt die Quelle unserer Kraft.

Die Fruchtbarkeit in unserem Leben ist oft dadurch gefährdet, dass wir an wunderbaren Erfahrungen mit Gott aus der Vergangenheit festhalten wollen und versuchen es heute zu wiederholen. Geistliche Erfahrungen lassen sich nicht wiederholen. Jede Ernte ist das Ergebnis einer engen Beziehung zum Weinstock und sie wird jedes Mal anders ausfallen. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott mit uns einen wunderbaren Plan hat und er die nächste Ernte einbringen wird.

Helmut Malzner, Diplom Lebens- und Sozialberater, Supervisor, www.coachingteam.info

Quelle: „Zu seiner Zeit“ von Wayne Jacobsen, ISBN 978-3-936322-77-4

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