Vorbild sein

Vorbild sein ist eine große Herausforderung. An manchen Tagen fühle ich mich wie in einem Wirbelsturm. An allen Ecken und Enden rücke ich etwas zurecht, ordne Dinge, erledige Aufgaben, führe Gespräche, sammle Informationen, speichere, sortiere, lege ab, höre zu … und am Ende des Tages blicke ich zurück und stelle verwundert fest, die Auswirkungen des Sturms sind unübersehbar.

Am Ende mancher Tage ist noch immer vieles unfertig. Aufgaben, die ich mir vorgenommen hatte, blieben unangetastet. Einige Gespräche verliefen unbefriedigend und ich bin unzufrieden mit mir und meiner Arbeit.

Mein Arbeitsplatz ist ein Kindergarten, mit über 100 Kindergartenkindern, davon zehn Kinder unter drei Jahren, 16 Mitarbeiterinnen und einem Zivildiener. Dazu kommen noch ungefähr 60 Mütter und Väter, die täglich im Kindergarten ein- und ausgehen, um ihre Kinder abzuholen. Es ist ein Haus zum Wohlfühlen mit angenehmer Atmosphäre, ein Platz des Angenommenseins und der Wertschätzung. Eine Bildungseinrichtung für alle, wirklich alle Kinder wollen wir sein, egal wie sie aussehen und woher sie kommen, so steht es in unserem Leitbild. Das ist auch mein ganz persönlicher Anspruch. Ein Haus für alle! Das schließt für mich als Hauptverantwortliche die Kinder, die Eltern, den Erhalter und vor allem mein Team mit ein.

Bei Fortbildungsveranstaltungen höre ich oft von Kolleg(innen): „Man kann es nicht allen recht machen!“, „Du kannst doch nicht den Anspruch haben alle zufrieden zu stellen!“, „Wie kannst du verantwortlich sein für das was andere tun?“, „Du schaust viel zu viel auf die anderen!“

Deshalb habe ich mich ganz bewusst damit auseinandergesetzt und mir überlegt, welche Leitsätze mich und meine Arbeit prägen. Wie schaffe ich den Spagat, den vielen Anforderungen und Wünschen gerecht zu werden und trotzdem authentisch zu bleiben?

Immer wieder neue Aufträge von oberster Instanz, die die Qualität unserer Bildungsarbeit sichern sollen. Der unausgesprochene Wunsch des Erhalters – es muss gut laufen. Die verständlich hohen Erwartungen der Eltern, geht es doch um ihr eigenes (oft einziges) Kind. Die Verantwortung gegenüber meinen MitarbeiterInnen – ihnen einen attraktiven Arbeitsplatz zu bieten, an dem sie optimale Leistung bringen und wachsen können. Ein Platz, wo sie ihre Stärken einbringen können.

Folgende Grundannahmen sowie mein christlicher Glaube wurden für mich eine große Hilfe:

Jeder Mensch ist einzigartig

  • Jeder Mensch ist einzigartig / Jeder nimmt die Welt anders wahr

Ich will jeden Menschen, der mir begegnet, wertschätzen. Ich muss nicht mit jedem die Ansichten teilen und gleicher Meinung sein, ich möchte aber seinen Standpunkt anhören und ihn als Individuum wahrnehmen. Mein christlicher Glaube hilft mir hier sehr. Das Wissen, dass jeder Mensch einzigartig und von Gott geliebt ist! Das klingt sehr plakativ und einfach. So habe ich es lange Jahre gesehen. Ein Satz: „Von Gott geliebt, jede(r)!“ – eh klar – das ist eben christlich. Bis eines Tages ein Vers aus der Bibel, nicht nur meinen Kopf, sondern auch mein Herz erreichte: „Nehmt einander an, so wie euch Christus angenommen hat.“ Das hat auch etwas mit mir zu tun. Ich soll Menschen so annehmen wie Christus es getan hat. Es mag sein, dass das für viele Christen selbstverständlich ist, für mich war das nicht so. An dem Tag, an dem mich dieses Wort so ganz besonders ansprach, betrat ich meinen Arbeitsplatz und sagte mir bei jedem Kind und jedem Erwachsenen, der mir begegnete ganz bewusst: „Du bist von Gott geliebt.“ Es war wirklich erstaunlich, wie sich meine Sicht veränderte. Wie leicht fiel mir der kurze Wortwechsel mit der sonst als so anstrengend empfundenen Mutter. Wie wohlwollend konnte ich dem Vater begegnen, der sein Kind ungewaschen und unfrisiert bei uns abgab. „Du bist von Gott geliebt“ – egal, ob du das willst oder nicht, egal, ob du Christ bist oder nicht. Egal, ob ich dich als anstrengend empfinde oder nicht – Gott liebt jeden! Das muss ich mir auch heute immer wieder mal sagen, aber das Gefühl, das ich damals hatte, als der Satz direkt mein Herz berührte, werde ich nicht vergessen.

Unser Standpunkt bestimmt unsere Sichtweise

  • Es gibt nicht nur eine Wahrheit, sondern viele Standpunkte und Perspektiven

Jeder nimmt die Welt auf seine ganz persönliche und biografisch geprägte Art und Weise wahr und es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen. Oft bin ich so in meiner eigenen Welt gefangen, dass es mir schwer fällt, andere Ansichten zu akzeptieren. Aber, wer sagt mir, dass meine Meinung die Richtige ist – meine Sicht der Dinge und auch die meiner Mitmenschen. Ich will die Sichtweisen meiner Mitmenschen ernst nehmen und wertschätzen.

  • Jedes Handeln macht für den Handelnden Sinn

Daraus folgt schon die nächste wertvolle Grundannahme, die es mir oft besonders schwer macht. Jedes Handeln macht für den Handelnden Sinn. Wie oft stelle ich das in Frage in der Zusammenarbeit mit Kindern. Welchen Sinn hat es, wenn ich meiner dreijährigen Tochter zum gefühlten tausendsten Mal erkläre, dass mit dem Saft beim Tisch nicht geschüttet wird. Aber klar, Flüssigkeit in mehreren Gefäßen auf dem Tisch weckt den Drang zum Experimentieren. Jedes Handeln macht für den Handelnden Sinn! Das heißt nicht, dass ich das Verhalten toleriere, ich kann es als Handlung eines Einzelnen wahrnehmen und nicht als Provokation meiner eigenen Person sehen. Diese Einstellung hilft mir im Umgang mit den Eltern der Kindergartenkinder sehr, sie sind die Experten für ihre eigenen Kinder und ich will sie als solche wahrnehmen.

  • Ich/Wir sind Teil eines sozialen Systems

Egal, wo wir sind, wir befinden uns in einem sozialen System. Wie bei einem Mobile sind wir miteinander verbunden und wenn sich einer bewegt, so müssen sich alle irgendwie mitbewegen. Das Bild finde ich sehr schön und auch tröstlich. Es gibt mir Mut, dass ich mit meiner christlichen Einstellung auch etwas bewirken kann. Ich bin Teil des Systems und kann meinen Beitrag leisten.

Meine Aktionen und Gespräche gehen nicht ins Leere, sie bringen mein Umfeld in Bewegung. Menschen um mich müssen sich neu positionieren und auch ich muss mich immer wieder einmal fragen: „Bin ich noch auf dem richtigen Weg?“

  • Menschen können sich nur selbst verändern

und das ist auch gut so. Ein sehr befreiender Gedanke. Ich bin nicht für persönliche Veränderungen anderer verantwortlich und kann sie auch nicht steuern. Ich darf Vorbild sein, mit gutem Beispiel voran gehen. Ich bin verantwortlich für das, was ich tue oder was ich nicht tue! Wie weit ich dadurch mein Umfeld beeinflusse, das bleibt spannend.

 Menschen verhalten sich entsprechend unseren Erwartungen

Kennen Sie den Gedanken: „Die wird das bestimmt wieder nicht schaffen!“ oder bei Kindern: „Wenn der jetzt da raufklettert, wird er bestimmt wieder herunterfallen.“ Trauen wir dem anderen etwas zu oder nicht? Rechnen wir schon damit, dass er/sie versagt?

Menschen verhalten sich so wie wir es erwarten, warum dann nicht gleich von jedem Menschen das Beste erwarten? Ich traue dir diese Aufgabe zu und vertraue darauf, dass du sie gut erledigst! Gott sieht doch auch das Gute in uns. Täglich scheitern wir im Zusammenleben und doch sind wir immer Gottes geliebte Geschöpfe. Gott weiß, was in jedem einzelnen von uns steckt und möchte, dass wir diese wunderbaren Gaben und Talente leben. Das ist wohl die schwerste Übung, positive Erwartungen an meine Mitmenschen zu haben, darauf zu vertrauen, dass auch sie auf dem Weg sind und beweglich bleiben.

Das gelingt nicht immer, es gibt Tage, da sind die Ansprüche an mich selbst zu hoch oder Anforderungen von außen lassen mich an meine Grenzen kommen. Dann sind gerade diese Grundannahmen kostbare Werkzeuge für mich. Ich nehme mir bewusst vor, den Anderen positiv und mit Wertschätzung zu begegnen, weil auch ich von Gott geliebt und wertgeschätzt bin. Im achtsamen Miteinander kann ich mehr in Bewegung setzen als wenn ich auf die Dinge schaue, die noch nicht gelingen und das Leben manchmal mühsam machen.

Martina Weikl, ist Kindergartenpädagogin

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Ehe und Familien Bausteine Nr. 99. Sie können diese Zeitschrift kostenlos als pdf-Datei bekommen, wenn Sie sich beim Newsletter anmelden.

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