Vergleichen als Falle

 

Mir ist in den letzten Jahren oft aufgefallen, dass ich häufig in die Falle des Vergleichens geraten bin und ertappe mich oftmals dabei, dass ich mich mit anderen Menschen vergleiche und dass dieses Vergleichen ungute Gedanken und Gefühle hervorruft. Das Thema beschäftigt mich, weil ich überzeugt bin, dass wertendes Vergleichen ein echter Glückshemmer ist! Es beraubt uns der Zufriedenheit und der Dankbarkeit.

Möchten Sie sich erfolgreich unglücklich machen? Dann empfehle ich wärmstens, sich ständig, in jeder Situation und mit jedermann zu vergleichen. Sie werden sehen, dass der ersehnte Erfolg nicht ausbleibt und sie immer unzufriedener werden mit ihrem eigenen Leben. Woran das liegt werde ich beleuchten, wenn ich von den Folgen des Vergleichens spreche.

Zunächst erscheint es mir jedoch wichtig zu erwähnen, dass Vergleichen so alt ist wie die Menschheit. Bereits die Bibel ist voll mit Geschichten über das Vergleichen. Sicher kennen Sie die Erzählung aus der Bibel von Kain und Abel in 1. Mose 4, 1-24: Kain, der Ackerbauer vergleicht sich selbst bzw. sein Rauchopfer mit dem seines Bruders Abel. Er wird folglich neidisch auf diesen und es überkommen ihn böse Gedanken. Er hört nicht auf die Ermahnungen Gottes und erschlägt schließlich seinen Bruder. Damit wird er laut Bibel zum ersten Mörder. In vielen weiteren biblischen Erzählungen über wertendes Vergleichen geht es um Vergleichen, Unzufriedenheit, Minderwertigkeit und Neid.

 

Ursache des wertenden Vergleichens

Die Ursache für wertendes Vergleichen ist eine Verzerrung der Wahrheit über uns selbst oder über Gott. Neid, Minderwertigkeit, Nörgeln und Undankbarkeit als Folge von Vergleichen gehen immer einher mit Zweifel am eigenen Wert, dem Gefühl, zu kurz zu kommen, nicht genug bekommen zu haben, nicht genug geliebt worden zu sein und dem Eindruck: Andere haben es immer besser als ich. Diese tiefe Überzeugung, weniger zu haben oder zu können als andere entstand meist in der Kindheit. Wie war wohl die Atmosphäre im Elternhaus? Wurden alle Kinder gleich wertschätzend behandelt? Wurde jedes Kind mit seinen besonderen Gaben gefördert oder wurde oft mit Geschwistern und Freunden verglichen?

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich nie so tolle Torten gebacken habe wie meine zwei Schwestern. Das Mithelfen am Bauernhof meiner Eltern bereitete mir keine große Freude und oft bekam ich zu hören, dass ich faul sei. Von meinem Vater bekam ich keine Anerkennung, als ich mit 18 Jahren bei einem Konzert vor 500 Leuten sang und versuchte meine individuelle Gabe einzusetzen. Das hinterlässt natürlich Spuren. Noch heute ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich das Gefühl habe „mehr leisten“ zu müssen, es den Menschen „recht machen“ zu wollen oder mich nach Lob sehne. Und: Kochen oder Torten backen wurde nie zu meiner Lieblingsbeschäftigung, ganz im Gegenteil!

Als Christin und Theologin sehe ich auch eine tiefer liegende Erklärung der oben genannten Ursachen des wertenden Vergleichens in der alttestamentlichen Erzählung vom Sündenfall in 1. Mose 3: Der Mensch bekommt von Gott einen Garten voll herrlicher Obstbäume zur freien Verfügung. Adam und Eva leiden keinen Mangel, sie haben alles, was sie brauchen, doch die Stimme des Versuchers weckt plötzlich ihre Vorstellungskraft. Eva sieht nur noch diesen Baum, weil ihre Augen fasziniert sind. Auf einmal sind alle köstlichen Früchte der anderen Bäume vergessen. Doch all das scheinbar erst jetzt, nachdem sie der Stimme der Schlange zugehört hat.

Folgen und Auswirkungen

„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ (Sören Kierkegaard)

  1. Neid

Neid ist eine in unserer Gesellschaft sehr verbreitete Grundhaltung des Herzens, die alles vergiften kann. Ein altes Wort für Neid ist „scheel sehen“, schielen auf das, was der andere hat. Das 10. Gebot nennt dieses Scheelsehen „begehren“ und verbietet es sogar.

Der Trugschluss des Neides heißt meist: „Alles würde sich ändern, wenn ich das Gleiche hätte oder könnte wie meine Schwester, Nachbarin, Freundin…“ Die eigenen unerfüllten Sehnsüchte werden im anderen „imaginiert“ und der Neidische stellt sich vor, dass der andere all das hat oder kann, was er sich wünscht. Es geschieht eine Fixierung auf das angeblich Bessere des anderen. Die Folge ist, dass man sich am eigenen Leben und den damit verbundenen Möglichkeiten nicht mehr richtig freuen kann denn Neid verengt unsere Sichtweise. Wir werden blind für all das Gute, das wir bereits haben und sehen nur noch das, was wir nicht haben.

  1. Minderwertigkeit

Meistens kommen wir beim Vergleichen schlechter weg. Dann folgen oft Unzufriedenheit und sogar Minderwertigkeit. Beim Vergleichen bekommen wir eine „Knick in unserer Optik“. Wir schauen andere Menschen und deren Lebensumstände wie durch ein Fernglas an. Die uns nahen Menschen sehen wir dagegen wie durch eine Lupe. Mit dem Fernglas sieht alles recht schön und optimal aus. Mit der Lupe dagegen sieht man jeden Fehler und die eigene Familie oder unsere Lebensumstände kommen in der Regel schlechter weg. Minderwertigkeitsgefühle und Unzufriedenheit entstehen oft, weil wir uns selbst (unbewusst) herabsetzen oder schlechtmachen.

Wege aus der Falle des Vergleichens

  1. Dankbarkeit üben „Nicht die Glücklichen sind dankbar, es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“  (Sir Francis Bacon)

Ein geeignetes Gegenmittel für wertendes Vergleichen und auch hervorragende Glücksstrategie ist die Dankbarkeit. Wer für das dankt, was er hat, erkennt, dass es nicht selbstverständlich ist. Er lenkt seinen Fokus weg von dem, was er hat, hin zu dem, woran er sich erfreuen kann. Nicht zufällig finden wir bereits in der Bibel Aufforderungen zur Dankbarkeit (z.B. Brief an die Kolosser, Kapitel 3, Vers15 oder im ersten Brief an die Thessalonicher, Kapitel 5, Vers18).

Neuere Untersuchungen zeigen übrigens, dass dankbare Menschen glücklicher sind und mehr Energie haben. Sie sind in der Regel optimistischer, hilfsbereiter, einfühlsamer, religiöser, versöhnlicher und weniger materialistisch als undankbare Menschen.

Eine Strategie, die mir persönlich sehr geholfen hat um mich in die Haltung der Dankbarkeit einzuüben ist folgende: Fast jeden Abend nehmen sich mein Mann und ich eine Zeit der Erinnerung. Ich sage ihm drei Dinge, für die ich (heute) dankbar bin und er sagt mir ebenso drei Dinge für die er dankbar ist. Oftmals habe ich dabei schon gemerkt wie sich meine Stimmung dabei deutlich verbessert und ich freudiger einschlafe.

  1. Die Einmaligkeit meines Lebens erkennen„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ (, Die Bibel, Psalm 139, Vers14)

Jedes Leben, jeder Mensch ist, basierend auf dem christlichen Menschenbild eine einmalige und besondere Schöpfung Gottes. Jeder ist ein Original, unverwechselbar und daher im Grunde nicht zu vergleichen. Je dankbarer ich für mein einzigartiges Leben und meine Originalität bin, desto eher kann ich auch anderen Menschen etwas gönnen und mich mit ihnen freuen.

Ein Sprichwort der Indianer lautet: „Urteile nie über jemanden, bevor du nicht einen Monat lang in seinen Mokassins gegangen bist.“ Abgewandelt könnte dies heißen: „Beneide niemanden, bevor du nicht einen Monat lang dessen Leben gelebt hast.“ Der Mensch in seiner Einmaligkeit kann nur „in seinen eigenen Schuhen gehen“, d.h. sein eigenes Leben leben. Er ist und bleibt ein Original, mit keinem anderen Original vergleichbar!

  1. Selbstwert und Selbstachtung entdecken„Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde, als das Risiko zu blühen.“ (Anais Nin)

Eine große Hilfe um der Falle des Vergleichens und dem Neid als Folge zu entkommen ist die Stärkung des Selbstwertgefühls. Unter Selbstwert versteht die Psychologie die Bewertung, die man von sich selbst hat. Die Fähigkeit, sich selbst annehmen zu können wird in der frühen Kindheit angelegt. Was aber, wenn damals vieles falsch lief? Ist der negative Kreislauf dann mein unabwendbares Schicksal? Nein! Selbstannahme ist (auch) ein Lernprozess.

Ein paar Anregungen und Übungen zur Stärkung des Selbstwertes, die sich in meinem eigenen Leben und in meiner Beratungstätigkeit bewährt haben möchte ich gerne hier anfügen:

  • Kommen Sie ihren Gedankenmustern auf die Spur. Entlarven Sie Lügen und falsche Gedankenmuster.

– Nehmen Sie eine kognitive Korrektur vor und sagen Sie sich selbst die Wahrheit. Fertigen Sie hierfür eine Liste von Bibelstellen an, die der Quelle ihrer Unsicherheit entgegenstehen, und lernen Sie diese auswendig. Orientieren Sie sich auch an den wertschätzenden Worten geliebter Menschen.

– Führen Sie ein „Pluspunktetagebuch“ und notieren Sie was Sie lobenswert und positiv an sich finden, oder auch was anderen Menschen Ihnen Positives sagen.

– Schreiben sie ein Tagebuch der guten Stunden“, in das Sie jeden Tag 3 Dinge eintragen: Wofür bin ich dankbar? Wo war ich gut? Wo geschah mir Gutes?

  1. Gaben entfalten„Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten.“ (Die Bibel, Matthäusevangelium Kapitel 25, Vers 15) 

Gott hat mit jedem Leben etwas vor, er hat für jeden Menschen einen Plan, einen Platz und einen Auftrag. Dies macht auch das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium Kapitel 25, Verse 14-30 deutlich: „Unsere Talente sind anvertraute Gaben.“ Wir sind aufgefordert sie einzusetzen und etwas daraus zu machen. Manche haben mehr, andere haben weniger Begabungen, aber sicher ist, dass jeder Mensch Begabungen hat! Wenn wir unsere Talente nicht zur Entfaltung bringen, weil wir nur auf die Fähigkeit und Stärken der anderen schielen würden wir unserem Lebensauftrag nicht gerecht.

Wie Sie, liebe Leser vielleicht feststellen konnten habe ich also selbst vor einiger Zeit begonnen einen Weg der Korrektur in Bezug auf Vergleichen zu gehen und stelle bereits fest, wie sich bestimmte Gedanken und Bewertungen verändern und ich innerlich freier werden darf. Von größter Wichtigkeit für mich ist dabei zu erkennen, dass Gott mein Leben überreich segnen will und wie unendlich kostbar, geliebt und geschätzt ich in Seinen Augen bin.

Literaturquellen:

Lyubomirsky Sonja, (2008/2013). Glücklich Sein. Warum Sie es in der Hand haben, glücklich zu leben. Frankfurt am Main; Campus.

Mack Cornelia, (2004). Die Falle des Vergleichens. Holzgerlingen; Hänssler.

Mittelstädt Elisabeth (Hrsg.), (2005). Superfrau ade! Entkommen Sie der Falle des Vergleichens. Asslar-Berghausen; Brunnen/Lydia.

 

Mag. Irmgard Tuder wohnt in Salzburg, ist seit 6 Jahren verheiratet und hat 2 kleine Töchter. Sie ist Religionslehrerin an einer HLW und Dipl. Lebensberaterin.

Dieser Artikel ist in den Ehe und Familien Bauteinen Nr. 105 von Family Life Mission Österreich erschienen.

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