Urvertrauen

Urvertrauen ist Grundlage für Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Liebesfähigkeit, Vertrauen in andere und in soziale Systeme. Nicht nur in den ersten Jahren, sondern auch bereits im Mutterleib verspürt ein Kind, ob sein Dasein erwünscht oder von seiner Umwelt als belastend bewertet wird. Wie stark diese Erfahrungen den Lebensweg eines Menschen prägen, war Thema einer Studie von Elfriede Zörner.

Urvertrauen in der Forschung

Erik H. Erikson bezeichnet das Gefühl des Ur-Vertrauens als ein „Gefühl des Sich-Verlassen-Dürfens“. Gerade im ersten Lebensjahr ist das Kind auf die Verlässlichkeit der Bezugspersonen angewiesen. Die Bindung zur Mutter und mit ihr die Nahrungsaufnahme spielen eine bedeutende Rolle. Werden die Forderungen nach körperlicher Nähe, Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung nicht ausreichend gedeckt, entwickelt das Kind Bedrohungsgefühle und Ängste, da eine weitgehende Erfüllung dieser Bedürfnisse lebenswichtig ist. Außerdem verinnerlicht es das Gefühl, seine Umwelt nicht beeinflussen zu können und ihr hilflos ausgeliefert zu sein.

Der Soziologe Dieter Claessens betrachtet die allererste Lebenszeit als Grundeinstellung, Schäden führen zu einem Ur-Misstrauen und sind nach seiner Ansicht irreparabel.

Gerald Hüther spricht vom Gehirn als „Sozialorgan“: „Die wichtigsten Erfahrungen, die ein Kind im Lauf seiner Entwicklung macht und die den nachhaltigsten Einfluss auf die innere Organisation und Strukturierung haben sind Beziehungserfahrungen.“ Durch die vorgeburtliche Entwicklung kommt jeder Mensch mit zwei Grunderfahrungen auf die Welt: jederzeit über sich hinauswachsen zu können und mit anderen verbunden zu sein. Liebe ist die einzige Möglichkeit, gleichzeitig Wachstum und Verbundenheit zulassen zu können, ein Grundbedürfnis, nach dessen Erfüllung jeder strebt.

Viktor E. Frankl vertritt die Ansicht: Als sinnorientiertes Wesen kann der Mensch echte Geborgenheit nur in einer geistigen Heimat, in seinem transzendenten Ursprung finden. Alle Versuche, ihn auf dieser Erde Wurzeln schlagen zu lassen, müssen scheitern, wenn nicht zugleich die „Himmelswurzeln“ entfaltet werden.

Das heißt, ein Mensch benötigt für die Entfaltung seiner Persönlichkeit von den ersten Augenblicken seiner Entstehung an liebevolle Fürsorge, das Gefühl der Verbundenheit, die Möglichkeit wachsen zu können, Vertrauen in das Vertrauen zu entwickeln und seine Religion, seine Rückverbindung zum Göttlichen, ein Eingebettet-Sein in ein geistiges Klima.

Aufbau und Ziel der Studie

Elfriede Zörner untersuchte folgende Fragen, die in ihrer Beratungspraxis immer wieder auftauchten:

  • Weshalb entwickeln manche Menschen ein größeres Urvertrauen als andere, obwohl sie von klein auf harte Lebensbedingungen kennengelernt haben?
  • Welche Faktoren wirken fördernd?
  • Wie kann Urvertrauen nachträglich gestärkt werden?

Mittels einer quantitativen empirischen Untersuchung wurden 167 Menschen über die Entwicklung ihres Urvertrauens, ihre Vertrauensfähigkeit, Problemlösungskompetenzen und Lebenszufriedenheit befragt. Als ein wichtiges Ergebnis kam dabei zutage, dass Menschen, die Gottvertrauen entwickeln konnten, schlechte Startbedingungen aufheben können. Ihnen gelingt es mindestens ebenso gut wie Menschen, die von Anbeginn ein gutes Urvertrauen entwickeln konnten, das Leben als gut bewältigbare Herausforderung zu sehen.

Einstiegs- und Schlüsselfrage:

Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich

  • ein geplantes Kind war
  • ein ungeplantes Kind war, dieser Umstand jedoch rasch für Freude sorgte
  • ein ungeplantes Kind war, dieser Umstand für die Eltern eine große Herausforderung war

Die ersten beiden Antworten zeigen Menschen, die pränatal unbelastet waren. 61,1% der Befragten waren ein geplantes Kind, 25,1% ein ungeplantes Kind, bei denen dieser Umstand im Umfeld jedoch rasch für Freude sorgte. 13,8% waren ungeplante Kinder, die ich als „pränatal Belastete“ bezeichne. Von dieser Gruppe hatten bereits im ersten Lebensjahr wesentlich mehr gesundheitliche Störungen. Interessant ist die Entwicklung von ungeplanten Kindern, welche in ihrem Leben Gottvertrauen entwickeln konnten. Denn ihre Ergebnisse zeigen, dass sich damit Störungen des Urvertrauens beheben lassen. Im Folgenden wird diese Gruppe als „pränatal Belastete mit Gottvertrauen“ bezeichnet.

Kindheit

Bei den familiären Kontaktmöglichkeiten schneiden die Menschen mit pränatalen emotionalen Belastungen bereits in der Kindheit schlechter ab und entwickeln weniger eigene Freundschaften. Eklatant ist der Unterschied bei der Erinnerung an positive Vorbilder, diese ist beinahe zur Hälfte geringer. Spannend ist auch der Unterschied bei der Selbstbeurteilung: als fröhliches Kind bezeichnen sich 72% der geplanten Kinder, nur 40,9% der ungeplanten Kinder, jedoch 62,5% der ungeplanten Kinder mit Gottvertrauen. Auffallende Abweichungen enthalten auch die Antworten über Freizeitvergnügungen: Kinder mit pränatalen emotionalen Belastungen hatten weniger Kontakte zu Jugend- und Sportgruppen, haben weniger gelesen, sich weniger bewegt und weniger kreativ beschäftigt. Damit kommt klar zum Ausdruck, dass bereits in der Kindheit ein gesundes Urvertrauen zu einer kontaktreicheren, aktiveren Lebensgestaltung führt.

Vertrauensfähigkeit

Ausgehend davon, dass Urvertrauen die Grundlage für Vertrauensfähigkeit bildet, wurden dazu verschiedenste Bereiche sozialer Kontakte abgefragt. Auch hier zeigt sich, dass es Erwachsenen mit pränatalen emotionalen Belastungen viel schwerer fällt, anderen Menschen Vertrauen entgegen zu bringen. Aus den Ergebnissen der Belasteten mit Gottvertrauen wird deutlich, dass durch das gewonnene Gottvertrauen eine ähnlich gute Vertrauensfähigkeit bei den verschiedenen Sozialkontakten erreicht werden kann wie bei Unbelasteten.

Zufriedenheit

Bei den Fragen zur Zufriedenheit handelt es sich um reflexive Bewertungen der verschiedenen Lebensbereiche. Bruno Frey beurteilt die empirische Annäherung an das subjektive Wohlbefinden als befriedigend und konstantiert „ die Menschen sind durchaus in der Lage zu beurteilen wie glücklich sie sind…“ Antworten zur Zufriedenheit in privaten und beruflichen Anliegen zeigen klar, dass pränatal Belastete in allen Bereichen eine geringere Zufriedenheit erlangten als Unbelastete. Denen gegenüber erreichten Belastete mit Gottvertrauen gleiche bzw. höhere Zufriedenheit.

Bewältigungsstrategien

Jeder Mensch hat in seinem Leben unzählige Herausforderungen zu meistern. Als Schlüssel für Gesundheit hat Aaron Antonovsky in seinem Salutogenese-Konzept den „Sense Of Coherence (SOC)“ entdeckt, der sich aus den drei Komponenten Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit zusammensetzt.

Die Frage zu einer salutogenen Lebenseinstellung beantworteten rund 71% der pränatal Unbelasteten als sehr stimmig. Für pränatal Belastete trifft dies nur mehr halb zu, während sich pränatal Belastete mit Gottvertrauen wiederum mit 100% voll dazu bekennen.

Schlussbetrachtungen und Resümee

Urvertrauen stellt im Leben eines jeden Menschen eine wichtige Basis dar und wirkt in die verschiedensten Lebensbereiche hinein. Selbst früheste Störungen im Gefühl des Angenommenseins aus der pränatalen Phase zeigen Auswirkungen im weiteren Lebensverlauf. Sind Störungen vorhanden, dann zeigen sich diese in verminderter Kontakt- und Vertrauensfähigkeit. Weiters leiden sowohl der Selbstwert als auch das Selbstvertrauen darunter. Die Zufriedenheit, das subjektive Wohlbefinden sind vermindert. Entgegen den Aussagen von Dieter Claessens, dass eine Schädigung des Urvertrauens irreparabel ist, zeigte meine Studie, dass durch liebevolles Angenommensein und spirituelle Verbundenheit diese Defizite geheilt werden können. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt eine religiöse Prägung neue Bedeutung.

 Urvertrauen hilft die eigene Lebensenergie zu spüren, Zuversicht aufzubauen, selbst in schwierigen Situationen Lösungswege zu sehen. Daher ist es auch im Interesse der Allgemeinheit, Schwangeren und jungen Familien größtmögliche Wertschätzung und Unterstützung zu schenken, damit der werdende Mensch die Verbundenheit mit der Familie und der Gesellschaft spürt und sich in einem Klima der Freude und Geborgenheit gut entfalten kann.

Literaturverzeichnis:

Antonovsky Aaron (Autor), Franke Alexa (Hrsg.) Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit, Dgvt-Verlag 1997

siehe Stufenmodel der psychosozialen Entwicklung, Online [Recherche: 11.09.2017]
https://de.wikipedia.org/wiki/Stufenmodell_der_psychosozialen_Entwicklung

Claessens Dieter, Familie und Wertsystem, [1962], 4., durchges. Auflage, Duncker & Humblot, Berlin 1979

Erikson, E.H., Identität und Lebenszyklus. Suhrkamp Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main, 1. Auflage 1973

Frankl, Viktor E., Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk Neuausgabe 2010, Piper Verlag

Frey, Bruno S., Frey Marti, Claudia, Glück – Die Sicht der Ökonomie, Reihe Kompaktwissen, Rüegger Verlag 2010

Hüther, Gerald, Nitsch, Cornelia, Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden, Gräfe und Unzer Verlag, 3.Auflage 2010

Die ausführliche Studie zu obigem Thema findet sich in folgender Publikation: Elfriede Zörner „Stammkapital Urvertrauen“ im „Vertrauensbuch zu Salutogenese“ (Hg. Theodor Dierk Petzold) (2012) Verlag Gesunde Entwicklung. .

Autorin: Elfriede Zörner ist Diplom-Lebensberaterin und Salutovisorin®, Präsidentin der ÖGL Österreichischen Gesellschaft für Lebensberatung.

www.life-support.at

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Ehe und Familien Bausteine Nr. 104. Sie können diese Zeitschrift kostenlos als pdf-Datei bekommen, wenn Sie sich beim Newsletter anmelden.

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