Prägungen – Erfahrungen

Prägungen begleiten uns ein Leben lang. Ich bin mit vier Mitfahrern ins nächste Stadtzentrum unterwegs und merke, dass ich heute sehr nervös beim Fahren bin. Das kenne ich von mir sonst gar nicht, immerhin bin ich mehr als 40 Jahre unfallfrei unterwegs. Beinahe hätte ich eine Nachrangtafel übersehen. Und wie soll ich hier bloß einparken? Ich habe den Eindruck, alle Augen meiner Beifahrer sind erwartungsvoll auf mich gerichtet.

Als ich am Abend nach erfolgreicher Fahrt wieder zu Hause bin, falle ich todmüde ins Bett. Ich frage mich: Was hat mich heute so geschafft, dass ich fahre wie ein Führerscheinneuling? Stichwort Neuling. Da liegt der Angelpunkt. Ich sehe mich wieder zusammen mit meinem Vater beim Üben. Jede falsche Aktion endet in Schreierei. „Wie stellst du dich denn an?“ „Das wird so nichts“. „Abbiegen, abbiiiiiegen hab ich gesagt!“ „Siehst du nicht, dass dort  schon GRÜN ist?“ Zweimal bin ich vor dem Erreichen der heimatlichen Garage ausgestiegen und zu Fuß heimgegangen.

Jahre später mache ich eine Ausbildung zur Maltherapeutin. Zufällig verteilte Fotofragmente sollen einmal in einem spontan gestalteten Bild verarbeitet werden. Ein Foto enthält Zweige: Ja, ich wachse – das wird ein guter Bildteil. Ein anderes Fragment zeigt quadratische Muster. Noch besser: Das können die Fenster meines Ateliers sein, wo ich mich am wohlsten fühle. Und dann gibt es da noch einen Raubvogel – im Profil – ziemlich scharf beobachtend. Den klebe ich an den Rand. Und auf einmal erkenne ich es deutlich: Er, der Kritiker, beobachtet mich. Immer. Das ist in einem Bild genauso unangenehm wie in der Realität. Bildlich lässt sich das leicht lösen: ich male einfach etwas zwischen den kritischen Vogelblick und dem Fenster meines Ateliers. Was kann ich aber im Alltag tun? Denn eines bewirkt Kritik ja meistens: Sie behindert. Nicht nur bei alltäglichen Handlungen, auch beim Denken. Da sehe ich mich in der ungeliebten Lateinstunde. „Na schaun wir mal, ob dir heute ausnahmsweise die Vokabel einfallen.“ Flugs, weg sind sie.

Jetzt verstehe ich rückblickend meine Stadtfahrt. Da saß doch auch ein Mann neben mir. Hat er nicht auch noch auf eine grüne Ampel hingewiesen? Oder Zwiebelschneiden in der Küche. Mein Ehemann schaut mir interessiert zu. Autsch –  und schon bin ich mit dem Messer abgerutscht. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr solcher Beispiele fallen mir ein.

Dabei wäre es doch so einfach. Meine Lieblingslehrerin unterrichtete Geografie, war streng  und verlangte viel von uns. Doch eines konnte sie sehr gut: Ermuntern und loben. „Warte kurz, ich weiß, du hast gelernt. Es wird dir sicher einfallen“. Das tat es in der Regel dann auch, und ich habe später sogar Geografie studiert, u.a. weil mich diese Lehrerin so ermutigte.

 

Analogien zu unserem Alltag in der Bibel

Von Gottes Güte und Geduld habe ich früher oft gehört, aber kaum einen Zusammenhang mit  mir hergestellt. Doch was ist das für eine Zusage! Nicht die Bestrafung meiner Fehler, sondern die Zuversicht, dass ich daraus lernen kann und darf und sich jemand freut, wenn ich es doch schaffe: Das steht hier schwarz auf weiß. Der kleine, fiese Zollbeamte wird nicht kritisiert. Im Gegenteil, Jesus lädt sich in sein Haus ein, und dazu braucht der Gastgeber Großzügigkeit. So wächst er über sich hinaus und schafft es sogar frühere Ungerechtigkeiten gut zu machen! Der feige Petrus bekommt den Auftrag Menschen anzuleiten. All das gelingt ganz gemäß dem Sprichwort: „Vertrauen bringt das Beste eines Menschen ans Licht“.

Mit meinen Prägungen bin ich lernfähig

Meine eigenen Reaktionen habe ich mittlerweile verstehen gelernt. Auch wenn es mich immer noch am falschen Fuß erwischen kann, weiß ich, wo manche Unsicherheit ihre Ursache hat. Umgekehrt hilft es mir aufmerksamer  im Umgang mit anderen zu sein. Der schönste Erfolg war, als mein Jüngster nach 3000 gemeinsam gefahrenen Übungskilometern den Führerschein schaffte und meinte: „Das habe ich deiner Geduld zu verdanken. Danke Mama!“

 

Mag. Dr. Else Müller, wohnt in Oberösterreich, ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder. Sie studierte Geografie u. Kunst und machte zusätzliche Ausbildungen in Bildhauerei und Maltherapie.

Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Ehe und Familien Bausteine Nr. 103 von Family Life Mission Österreich.

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