Mein Bedürfnis – dein Bedürfnis

Viele Menschen haben das Bedürfnis nach einem Menschen, der sie bedingungslos liebt. Dabei kann das ganz schön schwer sein. Sabine und Heinz sind fünf Jahre verheiratet. Sie hatten sich während ihrer gemeinsamen Ausbildung kennen und lieben gelernt. Sabine war damals fasziniert, wie gut Heinz auf Menschen zugehen konnte. Er war warmherzig, hilfsbereit und freundlich. Wenn es darum ging, dass jemand Hilfe brauchte, war er ohne lange Diskussionen zur Stelle. Ihr fiel das nicht so leicht. Sie hatte früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und dachte, wenn es wirklich eng wird, kann ich mich nur auf mich selber verlassen.

Nach fünf Jahren Ehe fühlt sich Sabine in der Beziehung eingesperrt. Heinz liebt die Geselligkeit und will vieles mit ihr gemeinsam machen. Manchmal wird es ihr da zu eng. Sie braucht Zeiten für sich alleine und sie empfindet mittlerweile die Warmherzigkeit von Heinz als Umklammerung, die ihr oft die Luft nimmt. Wie konnte sie sich bloß in so einen Mann verlieben, der so ganz anders war als sie, denkt sie. Sie hat den Eindruck, dass Heinz sie gar nicht verstehen will.

In der Beratung erkennen beide, dass sie die Ergänzung gesucht hatten und dass gerade ihre Unterschiedlichkeit und das Herausfinden der Stärken von Beiden eine große Chance sei, gemeinsam ein starkes Team zu werden. Statt sich gegenseitig ihre Schwächen vorzuwerfen und sich daran zu zerreiben, können sie von den Stärken des jeweils Anderen profitieren.

Eine einfache Möglichkeit, mit der man feststellen kann, wie der Andere tickt und welche Bedürfnisse er im Besonderen hat, ist das Modell der vier Grundstrebungen nach Riemann.

Dem Bedürfnis nach Nähe steht das Bedürfnis nach Distanz gegenüber und Dauer steht in Opposition zum Bedürfnis nach Wechsel.

Jeder Mensch hat von überall etwas in sich, aber es ist bei jedem anders ausgeprägt. Hat jemand den Schwerpunkt auf Distanz, sehnt er sich gleichfalls auch nach Nähe, nur ist dies mit Angst besetzt. Bei einem stärkeren Nähebedürfnis ist genauso die innere Sehnsucht nach Unabhängigkeit mit der Angst gekoppelt: Werde ich das aushalten, wenn ich mich vom anderen entferne? Wird der andere für mich noch da sein, wenn ich wieder zu ihm zurück möchte?

Nähe-Menschen möchten mit anderen in Kontakt und Beziehungen stehen.

Sie haben ein Bedürfnis nach Geborgenheit, Zärtlichkeit und Harmonie.

Ihre Sonnenseite: Sie wollen andere glücklich machen, fühlen sich gut ein, lesen Wünsche von den Augen ab und denken mehr an andere als an sich selbst.

Ihre Schattenseite: Sie vermeiden Spannungen, gehen Auseinandersetzungen aus dem Weg, wollen immer lieb sein und können nicht „Nein“ sagen.

Distanz-Menschen brauchen Abgrenzung.

Sie haben das Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit, glauben sich nur auf sich selber verlassen zu können und wollen die anderen nicht mit ihren Problemen belasten.

Ihre Sonnenseite: Sie sind unabhängig und auf niemanden angewiesen und kommen gut mit sich alleine zurecht.

Ihre Schattenseite: Sie haben Angst vor Nähe, sind daher meist kühl, distanziert und abweisend. Sie sind eher Einzelgänger.

Dauer-Menschen haben den Wunsch nach Sicherheit und Verlässlichkeit wie Planung, Voraussicht und Kontrolle.

Sie wollen keine Fehler machen und kein Risiko eingehen. Ihr Motto: „Zuerst kommt die Arbeit, dann das Spiel.“

Ihre Sonnenseite: Sie sind verlässlich, vertrauensvoll, planen gut, setzen sich für andere Menschen ein, sind bodenständig, sparsam und pünktlich.

Ihre Schattenseite: Sie wollen keine Experimente und kein Chaos, mögen keine Neuerungen und können pedantisch sein. Entscheidungen fallen ihnen schwer, da wird gezögert und gezaudert.

Wechsel-Menschen haben den Wunsch nach Abwechslung wie Spontaneität, Temperament, Genuss, Begehren und begehrt werden. Die Meinung darf jederzeit geändert werden und Gelegenheiten sind dazu da, um ergriffen zu werden.

Ihre Sonnenseite: Sie bringen Farbe in den Alltag und sind eine Bereicherung für die Umgebung und gehen gerne auf andere zu.

Ihre Schattenseite: Sie haben Angst vor Dauerhaftem, Endgültigem und vor jeder Einschränkung. Sie weichen Verpflichtungen, Verantwortungen und Spielregen aus. Sie neigen zu Illusionen.

Umgang mit Verstimmungen und Krisen:

Der Nähetyp will seine Situation mit jemanden besprechen, sich ausweinen können, klagen und anklagen. Er neigt dazu, sein Fass heimlich zu füllen und irgendwann bringt ein Tropfen das Fass zum Überlaufen. Das vorherrschende Gefühl ist das Selbstmitleid und das Bedürfnis, sich anlehnen zu können, sich unter der Bettdecke zu verkriechen oder ein warmes Bad zu nehmen.

Der Distanztyp sucht Ruhe vor dem Miteinander und will Schwierigkeiten zunächst mit sich selber bereinigen. Klärung erfolgt zuerst mit sich selber und dann wird das fertige Produkt den anderen vorgestellt oder mitgeteilt. Verbringt lange Zeit hinter verschlossenen Türen oder bei einsamen Spaziergängen.

Der Dauertyp bewältigt Krisen mit dem Ordnen seiner Wohnung, seiner Angelegenheiten und seinem Innenleben. Die Lösung eines Konfliktes geschieht nach festen Regeln, mit klaren Abläufen sowie mechanische Dinge wie Zeitung lesen, Sport oder andere Fernsehsendungen schauen oder Computer spielen.

Der Wechseltyp braucht in Konfliktsituationen Abwechslung, wechselt die Kleider, stellt die Wohnung um, macht Tapetenwechsel oder bucht eine Reise. Diese Flucht ist typisch und tritt nicht nur in der Form des „weg von etwas“ sondern auch als Flucht nach vorne. Durch Übersteigerung, Dramen, Szenen und Inszenierungen weiß am Ende keiner mehr, was los ist.

Gegenpol bei der Partnerwahl

Die Andersartigkeit des Anderen fasziniert. Ein Nähe-Mensch wird von der Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Distanz-Menschen angezogen. Jeder spürt intuitiv, dass der andere etwas hat, woran es ihm selber mangelt. Der Dauer-Mensch ist hingerissen von der Spontaneität des Wechsel-Menschen und erliegt seinem Charme und umgekehrt reagiert er auf den kontinuierlichen Lebensrahmen des Dauer-Menschen unter bestimmten Bedingungen positiv.

In Konfliktsituationen langfristiger Beziehungen kann sich diese Tendenz zum Gegenpol in eine schroffe Ablehnung wandeln. „Was anfangs reizend war, das reizt jetzt bis aufs Blut.“

Im Partner begegnet man nicht nur einem anderen Menschen, der einen ergänzt, sondern auch sich selbst, wobei dies gerade jener Teil des Selbst ist, den man nicht wahrhaben möchte und daher am anderen kritisiert.

Wir neigen dazu, den anderen nach unseren Vorstellungen verändern zu wollen. Je mehr wir das tun, desto mehr wird der andere sich in seine eigenen Grundstrebungen zurückziehen. Frust und Unverständnis sind die Folge.

Gute Beziehungen brauchen Freiheit und Freiwilligkeit. Wer den Freiraum hat, den er für sich benötigt, bewegt sich leichter auf den anderen zu. Wer die Freiheit hat, zu gehen, der kommt von alleine wieder zurück.

Brigitte Malzner, Diplom Lebens- und Sozialberaterin, www.coachingteam.info

Quelle: Klärungshilfe 1, Christoph Thomann & Friedemann Schulz von Thun, 2005

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