Familienglück trotz unterschiedlicher Werte

Bei vielen ist das Familienglück gefährdet, weil man sich nicht auf gemeinsame Werte einigen kann.

„Wenn wir die Menschen nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter. Wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.“ J.W. von Goethe

Eltern haben meist eine sehr konkrete Vorstellung, was ihre Kinder einmal werden sollen. Zumindest haben die meisten ein sehr klares Bild, welchen Weg ihr Kind gehen soll. Für die einen ist es eine solide Lehre, damit ihr Kind später einen ordentlichen Berufsabschluss aufweisen kann und für die anderen kommen nur ein Weg mit Matura und ein Studium in Frage. Und dann passiert auf dem Weg zum erhofften Ziel in manchen Familien das Unfassbare: Das Kind weigert sich, den vorbestimmten Weg zu gehen. Es bricht mitten drin ab oder lässt sich mit Mühe bis zum Ausbildungsabschluss durchschleppen um dann einen völlig anderen Weg einzuschlagen. In einem solchen Moment brechen oft die Träume der Eltern auseinander. Da können sich dramatische Szenen in den Familien abspielen. Es gibt Vorwürfe, Anklagen und Selbstanklagen und manchmal auch die Erkenntnis, dass das Kind andere Bedürfnisse und Werte hat als die Eltern.

Ich erinnere mich noch, als einer unserer Söhne nach dem Abschluss einer kaufmännischen Schule sich auf Jobsuche begab. Ich wollte immer, dass meine Kinder ihren Weg selber finden und doch fiel es mir dann sehr schwer zu verstehen, dass er meine Unterstützung, einen Job, seiner Ausbildung gemäß, im kaufmännischen Bereich zu finden, nicht annahm. Er hatte seine Liebe zum Design entdeckt und war gerne bereit, eine Lehre in diesem Bereich zu beginnen um sein Ziel zu erreichen. Heute, mehr als zehn Jahre später lebt er seinen Traum und wir sind stolz auf seine Begabung.

Ich kenne allerdings auch Familien, in denen sich der Sohn oder die Tochter nicht gegen die Vorstellungen der Eltern durchsetzen konnte und sie ihre Träume zugunsten des Familienfriedens aufgaben. Herbert ist über 60 und hegt noch immer einen Groll auf seine Eltern, weil sie ihn seinerzeit nicht studieren ließen. Er gibt ihnen die Schuld, dass er einen ungeliebten Beruf erlernte und später Bandscheibenprobleme durch diesen Beruf bekam.

Elisabeth Lukas, eine Schülerin Viktor Frankls, beschreibt in ihrem Buch „Familienglück“ eine Geschichte zwischen Vater und Tochter, wie so ein Konflikt bearbeitet werden kann: Sabine kündigt ihren Arbeitsplatz, weil sie die Schreibtischarbeit nicht mehr aushält. Sie hat die Schule nur deshalb absolviert, weil sie mit ihrer Freundin beisammen bleiben wollte. Sie will sich beruflich verändern und ihr schwebt eine Fotografenlehre vor. Sie bittet ihren Vater, ihr während der Zeit der Ausbildung Unterhalt und Obdach zu gewähren. Murrend erklärt er sich einverstanden.

Ihr Vater ist begeisterter Jäger und lädt öfters Jagdfreunde zu sich nach Hause ein. Bald kommt es zur Eskalation: Sabine spottet über die Trophäen, boykottiert die Treffen ihres Vaters und zieht alles in den Schmutz, was mit „Weidmanns Heil“ auch nur im Entferntesten zu tun hat. Der Vater seinerseits versteht nicht, weshalb die Tochter beruflich umsatteln will und hält die Fotografiererei nur für Flausen der Künstlergarde.

Die Tochter nimmt Beratung in Anspruch und erkennt, dass sie die Werte ihres Vaters wertschätzend akzeptieren soll, auch wenn sie damit nichts anfangen kann. Diese neue Haltung verändert ihre Einstellung und ihre Beziehung zum Vater.

Den ersten Schritt zum Familienglück machen

Sabine erklärt sich bereit, für das nächste Treffen den Tisch hübsch zu decken und auch für ein Buffet zu sorgen, damit sich die Freunde ihres Vaters wohlfühlen können. Der Vater bittet sie daraufhin, ein paar Fotos von ihnen zu knipsen, da sie dringend gute Aufnahme für das Vereinsblatt brauchen.

Was hier in einem Satz als Erkenntnis der notwendigen Akzeptanz erwähnt wird, ist die Grundlage für jede Konfliktbearbeitung. Doch wer macht den ersten Schritt? In der Erwartung, dass der Andere den ersten Schritt setzt, können wir viele Chancen ungenutzt vorbeiziehen lassen, ohne dass sich die Situation verändert.

Viele Beziehungen befinden sich in einer gefährlichen Abwärtsspirale, weil immer nur auf das Verhalten des anderen reagiert wird. Bei genauem Hinsehen kann man dabei sogar eine Reihe Strafaktionen, die als „angemessene“ Reaktion verstanden werden, entdecken. z.B. „Weil du den Müll nicht hinausgetragen hast, habe ich dir dieses und jenes auch nicht gemacht.“

Erst wenn ich den ersten Schritt aus diesem Teufelskreis gesetzt habe, erhalte ich eine Chance auf Veränderung. Und die Liebe zum Anderen verlangt, dass ich keine Forderung an den anderen stelle. Sonst würde mein Verhalten zu einem Geschäft werden. Hier ist meine Leistung gegen deine Leistung. Für ein solches Geschäft brauche ich keine Liebe zum Anderen.

„Die Liebe ist geduldig und freundlich und trägt keinem etwas nach“, schrieb der Apostel Paulus in der Bibel im Brief an die Gemeinde in Korinth.

Liebe ist jene Beziehung von Mensch zu Mensch, die uns in die Lage versetzt, den Anderen in seiner ganzen Einmaligkeit und Einzigartigkeit zu erkennen. Liebe ist mehr als ein Gefühlszustand. Sie erträgt es auch, wenn sie keine Gegenliebe findet. Wer einem oder mehreren Personen in Liebe zugetan ist, erfährt eine Beglückung, die ihm nicht genommen werden kann. Viktor Frankl sagte: „Entweder liebe ich wirklich, dann werde ich mich bereichert fühlen, unabhängig davon, ob ich Gegenliebe finde oder ich will den Anderen dazu benutzen, meine Wünsche zu erfüllen, ohne nach den Bedürfnissen des Anderen zu fragen.“

Liebende sind Sehende und sehr verletzlich

Was sehen wir an geliebten Menschen? Es sind die Einzigartigkeit, die Einmaligkeit, die Stärken, Talente und Ressourcen. Liebe nimmt am Anderen Dinge wahr, die anderen Menschen verborgen bleiben. Die Erfahrung, geliebt zu werden, lässt Menschen über sich hinauswachsen und schön werden. Ein Teil des Menschen ist jedoch verborgen und entzieht sich manchmal sogar den Augen der Liebe. Dort sind die Wurzeln für potenzielle Konflikte. Es ist die Brücke zum Reich unserer ganz intimen Werte. Auf dieser Brücke sind wir empfindsam und verletzlich. Ein kurzer Windstoß, der einen unserer persönlichen Werte angreift, kann uns über das Geländer fegen und böse Beziehungskriege auslösen. Wenn unsere innersten Werte angegriffen werden, lassen wir uns leicht zu Aussagen und Handlungen hinreißen, die wir nachher selber nicht mehr verstehen. Möglicherweise werden wir die Werte des anderen nie zur Gänze verstehen können. Damit wir trotz unterschiedlicher Werte miteinander in Frieden leben können, ist es notwendig, einander zu respektieren und mit aller Unterschiedlichkeit ein Existenzrecht zuzugestehen.

Elisabeth Lukas schreibt: „Friedensfähig zu sein ist mehr als miteinander in Frieden zu leben. Es bedeutet sinnvoll zu reagieren, wenn eigene Werte angegriffen werden.“

Zum Nachdenken: Welchen ersten Schritt könnte ich in einem Konflikt setzen, damit positive Veränderung möglich wird?

Helmut Malzner, Diplom Lebens- und Sozialberater, Supervisor, www.coachingteam.info

Quelle: Familienglück von Elisabeth Lukas, ISBN: 9-783-466-365-784

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